Schlagwort-Archiv: Aussteigen

Speed auf der Suche nach der verlorenen Zeit – eine Empfehlung

Metal details by donatas 1205; fotolia.com

Metal details by donatas 1205; fotolia.com

#5

Ich habe gerade diesen ganz hervorragenden Film von Florian Opitz zum Thema Zeitverdichtung und Entschleunigung gesehen.

„Speed, auf der Suche nach der verlorenen Zeit“

Florian Opitz ist um die ganze Welt gereist, um unterschiedliche Antworten auf seine Frage nach einer entspannten Lebenszeit zu erhalten.
Er war an sehr beschleunigten Plätzen wie auch an sehr entschleunigten Orten.

Zu Anfang empfand er sein Leben wie in einem Hamsterrad, er fühlte sich dem Diktat der Zeit absolut ausgeliefert.

Im Folgenden beschreibe ich die Passagen, die mir am eindringlichsten in Erinnerung geblieben sind. In meiner Beschreibung kommen nicht alle Stationen vor, die Florian Opitz besucht hat.

Hochgeschwindigkeitsorte

Opitz reist in die Finanzmetropole London, er stellt beispielhaft die Reuters Agentur vor. Sie übermittelt Nachrichten an verschiedene Abonnenten. Sinn und Zweck für die Abonnenten ist die schnelle Umsetzung einer vielversprechenden Nachricht in profitable Geschäfte, sprich Investition.
Diese Nachrichtenübermittlung funktioniert in Millisekunden. Abonnenten erhalten Börseninformationen in Echtzeit auf ihre Computer. Eigene Logarithmen generieren dann sogenannte Blackbox Handel. Unmittelbare Einflussnahme ist da nicht mehr möglich.

Kurz gesagt, die Wirtschaft ist ständig damit beschäftigt sich um zu strukturieren.
Diese Unruhe schafft Tempo, schafft Planlosigkeit und Unsicherheit.
Beteiligte Menschen sind gezwungen weiterzumachen und nicht anzuhalten, durchs Anhalten könnten wichtige Informationen verloren gehen und der Anschluss verpasst werden.

Durch die Entwicklung des Computers, durch die Vereinfachung von Prozessen, die händisch gar nicht mehr regelbar wären, gab der Mensch die Zeit aus der Hand. Er ist zum Verwalter geworden, zum bloßen Handregler und Verteiler.
In der technisierten Welt wird der Mensch als emotionales Wesen weitgehend abgeschafft, was ja schon zum Nachdenken anregen sollte.

Wie kann es anders gehen?

Opitz besuchte einen ehemaligen Manager, der ausgestiegen ist, wie es immer wieder vorkommt.
Einige Manager, die sich einen erheblichen Wohlstand erarbeitet habe, steigen aus, meist unfreiwillig, weil ihr Körper schlapp macht, sie nicht mehr mithalten können und der Sinn fürs Menschliche verloren gegangen ist. Sie müssen sich gezwungenermaßen dieser Beschleunigung entziehen, um wieder ihren eigenen Rhythmus hören und spüren zu können. Die interviewte Person ist gewandert und findet seine Beschäftigung momentan auf einer Alm.

Im weitern Verlauf des Films kommt der bekannten Zeitforscher Prof. Karlheinz Geißler zu Wort, der sich vom Zeitdruck verabschiedet und rät, lieber zu verzichten, dafür aber wieder den Luxus der freien Zeiteinteilung zu erhalten.

Opitz fährt nach Chile zum North Face- und Esprit- Gründer Douglas Tompkins, der einen ganzen Landstrich gekauft hat und ihn renaturiert. Für Tompkins steht die Rettung der Natur an oberster Stelle, die ja ebenso durch die Technisierung und den anschließenden Raubbau in Mitleidenschaft gezogen wird.

Das Glück wohnt in Buthan

Die letzte Station des Filmers war das Land Buthan, dessen König vor einigen Jahren seine Macht zu Gunsten des Glücks seines Volkes aufgegeben hat, die Staatsform ist nun die einer Konstitutionellen Monarchie.

Für Buthaner sind Gesundheitsleistungen und Bildung frei. Der Regierung ist die volle Entfaltung jeden Potenzials jedes Einzelnen am wichtigsten und so sind die Buthaner, die auf der Wirtschaftsliste aller Länder dieser Erde sehr weit hinten liegen, trotzdem sehr glücklich.

Soziologische Zwischenfragen

Als Einspieler taucht regelmäßig der Soziologe Prof. Hartmut Rosa auf, der wesentliche Punkte dieser beschleunigten westlichen Industriewelt anspricht:

  • Er definiert für die Wirtschaft: Zeit ist Geld und bewirkt so Beschleunigung
  • Der Computer fängt die Beschleunigung spielend auf,  der Körper nicht.
  • Die Konsequenz wäre die zur Hilfenahme von Computertechnologien, um auch den Körper  leistungsfähiger zu machen.
  • Doch fragt er sich auch, warum diese Beschleunigung so dominiert, warum die Gesellschaft nicht in der Lage ist, aus zu steigen?
  • Zum Schluss spricht er sich für ein Ausprobieren des bedingungslosen Grundeinkommens aus, welches den Wettbewerb herabstuft und nicht mehr zum eigentlichen Lebensinhalt macht. Jeder könnte sich auf das besinnen, was er kann und was nicht.

Für den Autor ist nach diesem Film klar, sich auch Auszeiten zu gönnen und wirklich im hier und jetzt zu verweilen, das Handy und den PC ausgeschaltet zu wissen, um wieder die kleinen Dinge um sich herum schätzen zu lernen und sie vor allen Dingen zu genießen.

Gedanken zum Schluss

Der Film und auch letztendlich der Filmemacher selbst sprechen für ein zeitweiliges bewusstes Innehalten im hier und jetzt. In diesen Phasen selbst bestimmt mit seiner Zeit umzugehen und diese zu gestalten. Gleichwohl wird ein guter Überblick wiedergegeben, wie sehr wir von der Zeit diktiert sind uns aber auch gerne diktieren lassen, weil Geschwindigkeit sicherlich auch ihren Reiz hat.
Gefährlich wird es dann, wenn nur noch an Profit gedacht, der Mensch nicht mehr mitgenommen und das Entscheiden Computern und Einzelnen überlassen wird.

Mit der Frage nach einer Ethik der technisierten Welt muss sich die Zukunft noch sehr auseinander setzen.

Inwieweit kann es gut sein, Prozesse zu vereinfachen und Entscheidungen so aus der Hand zu geben?
Wo ist die Grenze dieser Vereinfachung?
Welches sind und bleiben Entscheidungen die nur von denkenden Menschen getroffen werden können.

Danke für diesen Film!

Gute Zeit!